
Ein Zaubertrank
für triste Tage.
Christstollen und Fondue, Kekse und Schokolade, Glühwein und Bockbier – ja, die Feiertage hatten es kulinarisch in sich. Herrlich war das. Doch wenn die fetten Tage nun vorbei sind, brauchen Körper und Geist einen Zaubertrank. Und Musik, die einen vom Sofa holt. Voila, hier ist die kräftige Kombination für den Jänner!
Es klingt unglaublich. Fast wie ein Wunder: Es gibt doch glatt etwas, das preiswert ist, fantastisch schmeckt und sehr einfach herzustellen ist. Etwas, das auch noch äußerst ergiebig ist, Kindern vorzüglich mundet und sogar noch gesund ist, sodass es eigentlich in Apotheken und nicht in Gasthäusern angeboten werden sollte. Ja, das klingt wie die Quadratur des Kreises. Und ja, sie ist möglich – mit dieser asiatisch angehauchten Hühnersuppe. Sie steckt voller Power.
Probelokal-Leser wissen längst, dass Hühnersuppe pur oder als Basis für Saucen, Cremesuppen oder Dressings zu den wichtigen Standards in der Küche gehört. Die geflügelte Essenz war im Herbst 2018 bereits Hauptakteurin einer Rezeptgeschichte. Hier ist die Version 202.0 – zusammen gebrüht in den Weihnachtsferien, noch kräftiger als damals und dank Ingwer, Chili und Zitronengras ein wenig asiatisiert.

Das jähe Ende der Christbäume
Denn gerade jetzt, wenn der Gürtel dank des Festtags-Genusses weiter geschnallt wird und sich nach glitzernden Feiertagen eine gewisse Jänner-Tristesse breit macht, wenn einst prachtvolle Christbäume an schmutzigen Straßenrändern ihr armseliges Ende finden, wenn man von der behaglichen Wohnzimmer-Couch wieder hinaus in den Alltag ziehen muss und man in Öffis hartnäckigen Viren-Angriffen ausgesetzt ist, dann braucht es einen Zaubertrank. Eine wärmende, nahrhafte Essenz, mit der man auch triste Tage übersteht, bis der Frühling an die Tür klopft.
Die heute präsentierte Hühnersuppe besteht aus einem Haufen Saison-Gemüse, kräftigen Gewürzen und einem Huhn, dass laut Auskunft des Verkäufers ein halbwegs anständiges Leben gelebt hat. Also in echtem Mist gekratzt hat und genügend Platz hatte, um artgerecht herum zu picken. Ich nehme heute auch keine ausgemergelten Suppenhühner, sondern ein kräftiges Brathuhn mit genügend Fleisch. Denn die hungrigen Mäuler im Probelokal wollen gestopft werden, und auch das gekochte Fleisch zählt heute zur Einlage.
Eines vorweg: Sie können die Suppe für sich alleine zubereiten – in einem kleineren Topf, mit zwei Hühnerschenkeln und entsprechend reduzierter Gemüsemenge. Oder Sie können den größten Topf Ihres Haushalts aus dem Schrank holen und einen Vorrat anlegen. Ich empfehle zweiteres – denn die Suppe hält ein paar Tage im Kühlschrank und abgefüllt in kleine Säcke noch länger im Gefrierschrank. Wenn ich das Probelokal schon in eine Suppenküche verwandle, dann köchle ich mir gleich eine große Menge und erfreue mich ein paar Tage an der goldenen Essenz.

Ich gieße locker sechs Liter kaltes Wasser in den großen Topf und lege das ganz Huhn sowie ein paar zusätzliche Teile, die mir der Geflügelhändler mitgegeben hat, in den Topf. Diesmal waren es drei kräftige Schenkel. Das Fleisch lasse ich im Wasser aufkochen, aufsteigenden Schaum schöpfe ich mit einer Schaumkelle oder einem großen Löffel ab – dadurch wird die Suppe klarer und goldener. Ich reduziere die Temperatur, damit die Brühe nur ganz leise vor sich hin zieht. Auf meiner neunstufigen Skala am Herd genügt meist die 3 oder 4.
Dann hacke ich das gut gewaschene Gemüse in grobe Stücke und werfe es zum Huhn. Damit das Gefieder nicht so einsam ist. Dazu kommen die Gewürze – bis auf das Salz, das darf erst ganz am Ende dazu. Ab und zu wird umgerührt, ansonsten haben Sie nun rund 2 Stunden Ihre Ruhe. Auf Wunsch noch länger, dann wird die Suppe noch feiner.

In dieser Zeit können Sie die Weihnachtsmusik gemeinsam mit dem Christbaumständer, den Kugeln und der Krippe wieder verstauen. Und nach der besinnlichen Zeit Leben in die Bude zu bekommen, empfiehlt sich Indie-Rock aus Kanada. Etwa von „The Rural Alberta Advantage” mit eingängigen Liedern wie White Light oder Brother. Das Trio aus Toronto macht kräftigen, markanten Indie-Folk, den ich im Jänner gerne höre. Auch wenn die Stimme von Gitarrist und Sänger Nils Edenloff mit der Zeit auf die Nerven gehen könnte. Genauso wie die Föhn-Tage im Winter.
Nach 2 oder 3 Stunden hebe ich die gekochte Henne und die Hühnerteile aus dem Topf, entferne die gummige Haut (sie zu essen wäre eine Höchststrafe für mich) und zupfe das zarte Fleisch in kleine Stücke in einen Topf. Dann siebe ich die goldig gewordene Suppe in eine große Vorratsschüssel und würze kräftig mit Salz. Probieren Sie immer wieder, ob die Würze passt. Nur nicht versalzen, nachwürzen geht immer.

Dann entscheiden Sie, was Sie aus der herrlich goldenen Suppe machen: Kürzlich gab es im Probelokal eine asiatische Version, bei der ich die Brühe mit einem Spritzer Sojasauce und ein paar Tropfen Zitronensaft abschmeckte und dünne Fadennudeln sowie fein geschnittene, gebratene Pilze darüber legte. Auch gehackte Jungzwiebeln hätten gut dazu gepasst. In die Suppenschüssel kam auch das in Stücke geschnittene Fleisch. Und als Eyecatcher eine mitgekochte Sternanis, die zuvor wochenlang als Adventskranz-Dekoration fungierte und nun im Suppentopf ihr jähes Ende fand. Eine ganzheitlichere Nutzung scheint mir nicht möglich.

Die Kinder lieben die würzige Hühnersuppe außerdem mit klassischen, österreichischen Einlagen. Etwa fein geschnittenen Flädle – mache sagen auch Fritatten dazu – oder dem König unter den Suppeneinlagen: Gebackenen Grießknödeln. Die schmecken so gut, dass die Kinder sie ohne Suppe futtern. Deshalb bereite ich standardmäßig die doppelte Menge zu.

Dazu lasse ich die Milch mit der Butter aufkochen und würze mit Salz und Muskatnuss. Dann schalte ich die Temperatur zurück und lasse den Grieß einrieseln. Mit einem Schneebesen wird kräftig gerührt, bis der Grieß aufquillt und sich vom Topf löst. Dann darf die Mischung neben dem Herd etwas auskühlen, ehe das Ei gut untergerührt wird.
Von der Masse werden dann mit feuchten Händen kleine Knödel geformt und in Semmelbröseln gewendet. In etwa zwei Zentimeter hohem Öl werden sie dann rundum goldig gebacken. Auf etwas Küchenpapier dürfen die fertigen Knödel rasten und überschüssiges Öl abgeben. Wenn Sie Glück haben, bleiben für die Suppeneinlage ein paar übrig. Falls nicht – keine Sorge: Es soll Schlimmeres geben.
Zutaten:
Wichtig – bleiben Sie flexibel! Es ist völlig egal, ob Sie eine Karotte mehr nehmen, ob der Knollensellerie fehlt oder eine Zwiebel mehr ins Wasser springt. Zwei reife Tomaten passen im Sommer übrigens auch in die Suppe. Die angegebenen Zutaten sind deshalb nur ein grober Vorschlag.
Für den größten Topf: 6 Liter Wasser, 1 ganzes Brathuhn und einige weitere Hühnerteile (bei mir waren es drei Schenkel), 4 Karotten, eine dicke Lauchstange, ein paar Stangen Sellerie sowie das Viertel einer Knolle Sellerie, 1 Petersilwurzel, 3 Stängel Zitronengras, 1 kräftiges Stück Ingwer, eine große Handvoll Pilze (braune Champignons und/oder Shitakepilze), 3 Zwiebeln, 4 Knoblauchzehen, 2 Chilischoten (Kerne und Stiel entfernen), 15 schwarze Pfefferkörner, 3 Sternanis, 3 Gewürznelken, Salz und zum Abschmecken Pfeffer, Muskatnuss und jeweils ein Spritzer Sojasauce und Zitronensaft
Für den kleineren Topf: 2 Liter Wasser, 2 bis 3 Hühnerschenkel oder andere Teile ähnlichen Gewichts sowie weniger als die Hälfte der oben angegebenen Zutaten. Bitte ausprobieren!
Gebackene Grießknödel: 1/2 Liter Milch, kräftige Prise Salz und Muskatnuss, 50 Gramm Butter, 150 Gramm Grieß, 1 Ei, drei Esslöffel Semmelbrösel, zum Herausbacken 1/2 Liter Bratöl
Musik:
Album „The Wild“ von The Rural Alberta Advantage aus dem Jahr 2017, Label Paper Bag Records, www.theraa.com

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